Kennst du den Film Freaky Friday? Wo Tochter Lindsay Lohan und Mutter Jamie Lee Curtis sich so oft streiten, bis sie durch einen Zauberspruch in dem Körper der jeweils anderen aufwachen? Erst als sie die Welt durch andere Augen sehen, fangen sie an, einander zu verstehen. Die Körper zu tauschen ist natürlich eine sehr drastische Methode, jemandem Empathie beizubringen – aber der Gedanke dahinter ist wichtig: erst wenn ich wirklich nachfühlen kann, was in dem anderen vorgeht, wird sein Problem auch zu meinem Problem. Seine Geschichte wird Teil meiner Geschichte, seine Perspektive meine.

Wir müssen uns diese Welt nun mal mit anderen Menschen teilen. Die meisten davon denken anders als wir. Es geht schon bei Kleinigkeiten im Büro los und endet bei den großen Konflikten unserer Weltpolitik. “Wir” und “die” heisst für jeden was anderes. Klassen und Kreise sind sehr exklusiv und werden selten durchmischt (unter meinen Freunden sind viele Medienleute und wenige Mechaniker oder Hartz 4-Empfänger). Aber jeder von uns wohnt hier. Jeder denkt, das seine Welt richtig und die der anderen falsch ist.

Wieso sollte es nicht zu unserer obersten Bürgerpflicht werden, andere besser verstehen und uns in sie hineinversetzen zu müssen? Wieso nicht ein Gesetz erlassen, das Menschen, die komplett verschiedene politische, religiöse oder wirtschaftliche Ansichten haben, für eine bestimmte Zeit zusammenwohnen lässt? Würde man dann nicht Empathie by doing erlernen?

Der AfD-Wähler mit einer geflüchteten Familie. Der liberale Elitäre mit dem Fabrikarbeiter. Die stockkonservative Oma mit einem Schwulen. Der fettleibige Schnitzelfan mit einer glutenfreien Veganerin. Der karrieregeile Konzernboss mit dem Hippie in der 9er WG. Wen auch immer man aktuell am wenigsten versteht, genau der wird der neue Mitbewohner! Wer meldet sich freiwillig, bei Donald Trump einzuziehen?

Aus dem weißen Haus fliegen meine Gedanken an den Strand von Teneriffa. Ich war 16. Und meine Freundin lernte am Strand einen süßen Typen kennenlernte: Marvin. Bei ihrem Date kam raus, dass Marvin aus dem tiefsten Brandenburg kam – aus einem kleinen Vorort mit vielen Nazis, von denen einige zu seinen engsten Freunden gehören. Meine Freundin ist Russin und außerdem jemand, der alles was mit rechtem Gedankengut zusammenhängt total ablehnt. Jetzt die große Preisfrage: Ist sie weggerannt oder hat angefangen, ihn zu verachten, zu belehren und ihm zu erzählen, wie dumm und kurzsichtig er ist, so wie es der belehrende Null-Acht-Fünfzehn-Intellektuelle von heute so selbstverständlich tut?

Und er? Hat er sie als Ausländerin sofort fallen lassen wie eine heisse Kartoffel und sich nach einer deutscheren Alternative umgeguckt? Weder noch. Sie fanden sich als Menschen nett und verbrachten den Urlaub zusammen. Er fuhr später stundenlang Zug, um sie Zuhause bei ihren russischen Eltern zu besuchen, aß russische Pelmeni und brachte der Mutter Blumen mit. Diese zwei Menschen haben es geschafft, trotz der scheinbar komplett unüberwindbaren Lebensauffassungen eine gemeinsame Sprache zu finden. Und sich liebzuhaben. All ihre Freundinnen rasteten damals komplett aus und rieten ihr, ihn in den Wind zu schießen, sich von ‘soetwas’ zu distanzieren, weil man ‘sowas’ und ‘so jemanden’ nur verachten und verspotten kann. Als ob Hass und Verachtung schon mal jemanden dazu gebracht hätten, eine radikale Meinung zu ändern.

Je dicker der Holzhammer, mit dem man jemandem einreden will, dass seine Weltsicht falsch ist, desto verschlossener die Ohren und das Herz. Desto größer die Kluft. Die Klugen sind im Anprangern der ‘anderen’ nicht viel rücksichtsvoller als die Dummen.

Nun ja, die beiden waren 16 und die Liebesgeschichte hielt nicht lange. Aber ich finde, sie haben es richtig gemacht. Sie haben nicht mit dem Finger auf den anderen gezeigt und ihm gesagt, wie dumm er ist, weil er anders denkt.

In einem russischen Kindermärchen kriegen die Schüler einer Klasse die Aufgabe, einen Baum zu malen. Lisa hat 2 grüne Stifte, Anna hat keinen grünen Stift, nur einen blauen. Sie fragt Lisa, ob sie ihr einen ihrer 2 grünen Stifte borgen kann, damit sie den Baum malen kann. Lisa sagt nein, denn vielleicht geht der eine Stift kaputt, dann würde sie den zweiten brauchen. Anna malt ihren Baum mit blauen Blättern – und die Klasse lacht sie aus. Hat nicht jeder Mitleid mit Anna? Findet nicht jeder, dass Lisa eine dumme Ziege ist, die mit ihren 2 Stiften geizt? Wieso verhalten sich dann so viele Menschen im echten Leben wie die blöde geizige Ziege, die um ihr so vieles Hab und Gut zittert und nicht bereit ist zu teilen? Gerade kommen sehr viele Menschen zu uns, die Hilfe brauchen – und das Land ist hochgradig besorgt. Um SICH. Nur eines der vielen Beispiele, wo ich mich frage, warum es Gesetze für Steuern gibt, aber nicht für Menschlichkeit und Anstand?

Ich war 10 Jahre alt, als ich mit meiner Familie aus Russland nach Deutschland eingewandert bin, als Aussiedler – mitten nach Berlin-Marzahn. Ich konnte die Sprache nicht, habe meine Freunde vermisst und fühlte mich an meinem ersten Tag in der Schule unfassbar fremd. Doch ich hatte großes Glück, auf eine wundervolle und mitfühlende Lehrerin zu treffen. Sie hat sich nicht darüber aufgeregt, dass ich nichts verstanden habe, sondern hat mit mir in Einzelsitzungen so lange und geduldig Deutsch geübt, bis ich ich im Diktat eine 1 geschrieben habe. Als Belohnung durfte ich mir einen Plüsch-Affen aussuchen (da haben meine Mitschüler aber was gestaunt). Frau Pötter, diesen Affen habe ich immer noch.