Selbstbestimmt zu lieben, heißt nicht, mit jedem zu schlafen.

Eine kürzere Version dieses Artikels erschien auf bento.de – hier findet ihr die lange Fassung.

Missverstandener Feminismus, wo soll ich nur anfangen? Wie wäre es mit Lena Dunham: lange als DIE Feminismus-Ikone gefeiert, auf virtuellen Händen getragen, von allen Seiten Applaus bekommen. Dafür, dass sie zu ihren Pfunden steht, auf Schönheitsideale pfeift, ihre Achselhaare in die Kamera hält. Kein unerreichbar schönes Model, eine von uns!

Doch Lena machte in den Augen vieler Netzfeministinnen einen großen Fehler: sie fing plötzlich an, Sport und Diät zu machen. Nahm etliche Kilos ab, trug glamouröse Satin-Kleider, ließ sich die Augenbrauen microbladen (bitte was?), und für die Vogue ablichten UND retouchieren! Die Jezebels dieser Welt waren schockiert. Lena verrät den Feminismus! Heuchlerin!

Aber warum, eigentlich? Sollte Feminismus nicht bedeuten, unabhängig von den Geschlechtsorganen die freie Wahl zu haben, was man anzieht, macht, wiegt und mit seinen Augenbrauen anstellt? Oder ist man mit haarigen Achseln und unförmigen Augenbrauen ein besserer Feminist?

Und wenn wir schon bei Achseln und Augenbrauen so emotional reagieren, wie sieht es dann erst mit Sex aus?

Dazu ein Beispiel aus dem echten Leben: Ich habe eine Freundin, nennen wir sie mal Laura, die seit einer Weile sehr unglücklich ist. Sie versteht die Welt nicht mehr. Wenn sie in den Rubriken „Liebe & Beziehung“ auf gängigen Frauen-Online-Magazinen rumstöbert, liest sie Headlines wie diese: „Kind, nimm dir die Männer pfundweise“, „Ich habe Sex so viel ich will – und lasse mich nicht Schlampe nennen“, „Mit diesen 10 Typen musst du geschlafen haben“. Es steht zwar nicht direkt da, aber der Subtext schreit Laura ins Gesicht: Sei eine moderne, freie, selbstbestimmte Feministin und habe Sex, sofort, mit wem und so viel du willst. (Und wolle gefälligst viel, sich mit dem Sex zurückzuhalten ist sooo 90er!)

Wie Elite Daily neulich in einem Artikel schrieb, torpedieren „alte“ Dating-Regeln wie „kein Sex beim ersten Date“ angeblich sogar unsere Beziehungen. Ich finde es interessant, dass ausgerechnet dieser Tipp der Generation Beziehungsunfähig für bessere Beziehungen auf den Weg gegeben wird. Und wir scheinen ihn zu beherzigen, zumindest wenn man sich die Statistik anschaut. Prof. Christoph Kröger von der Uni Hildesheim hat zum Sexualverhalten in Deutschland gerade eine repräsentative Studie durchgeführt und erzählt im Interview mit wdr.de, dass vor allem jüngere Frauen mehr sexuelle Kontakte haben: „Da zeigt sich schon auch ein Stückweit die Gleichberechtigung“.

Jedenfalls, wenn Laura im Freundeskreis über Sex redet, sind sich alle ihre Mädels einig: ohne viel Sex weißt man doch gar nicht richtig, wie man lebt.Und als moderne Feministin holen wir uns alles, was die Männer haben, auch.Ausgerüstet mit diesen Eindrücken schläft Laura sich als gute moderne Feministin nun seit einer Weile durch sämtliche Betten in Berlin, macht es oral, anal, zu dritt und mit Frauen. Spaß bis in die vollen. Es gibt nichts, womit man sie noch überraschen kann.

Überrascht ist Laura am Ende aber doch: Darüber, dass zwar viele Männer mit ihr schlafen, aber niemand mit ihr eine Beziehung eingehen will. Nicht mal ein richtiges Date mit Ausführen und Umwerben ist drin (PS: Umwerben – was ist das überhaupt?), sondern nur Verabredungen mit dem offensichtlichen Ziel, am Ende des Abends mit ihr zu schlafen. Sie findet es unfair, stempelt Männer als bindungsunfähige Arschlöcher ab, schläft aus Frust mit noch mehr Leuten und fühlt sich jedes Mal aufs Neue abgewertet, wenn eine Tinder- oder Club-Bekanntschaft ihr um 2h nachts „Hey, Lust auf Sex?“ schickt und sich noch nicht mal die Mühe machte, ein„wie geht’s dir überhaupt“ voranzustellen.

Als ich Laura sagte, dass ein Paar altmodische Dating-Regeln vielleicht doch nicht so blöd sind, zumindest, wenn man es auf ein richtiges Date und nicht ausschließlich auf Sex abgesehen hat, wurde sie sauer. Was für eine antiquierte und antifeministische Sexisten-Meinung, dass eine Frau nicht jederzeit mit jedem schlafen könne, mit wem sie will. Die Männer machen das doch auch. Und ich kann alles machen, was ein Mann macht. Und genau dort liegt meiner Meinung nach der große Denkfehler: Feministin sein heißt eben nicht, alles so zu tun, wie es ein Mann macht. Schon gar wie ein schlechter, total klischee-beladener Arschloch-Mann, der alles bumst, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Und auf diesem Baum auch schon drauf sitzt.

Feminismus bedeutet nicht, sich gegenseitig wie Arschlöcher zu behandeln.

Nicht jeder Mann hüpft durch Betten als wäre seinen Lümmel in alles reinzustecken was sich bewegt der Gipfel der Freude an Männlichkeit. Ja, einige machen das. In meinen Augen sind das oft Idioten. Will ich so einen Mann? Nicht wirklich. Will ich mich benehmen wie ein Arschloch-Mann, nur weil ich denke, das bedeutet, eine selbstbestimmte und freie Frau zu sein? Übrigens gilt das meiner Meinung nach auch für Achselhaare: warum sollte schlechte Pflege Ausdruck von Feminismus sein? Ich will ganz geschlechtsunabhängig doch auch keinen Mann, der ungepflegt ist und sich gehen lässt.

Seit wann bedeutet Feminismus so vieles, womit er eigentlich überhaupt nichts zu tun hat? Ja, ich kann alles tun, was ein Mann tut. Aber „was ein Mann tut“ heißt nicht, alle männlichen dummen Klischees in einem Topf zu sammeln und die stumpf nachzumachen. Die wenigsten Männer aus meiner Umgebung hüpfen durch Betten und erzählen dann stolz von ihren Eroberungen. Und wenn sie es täten, würde ich mir ihnen bestimmt keine Beziehung wollen. Eine von vielen sein, wer will das schon? Und kann man den Männern, die Laura kennenlernt, verübeln, dass sie das auch nicht wollen, sich aber exakt so fühlen, wenn sie eine Frau kennenlernen, die mit vielen anderen Menschen schläft?

Sich an Sex so lange vollzufressen, bis einem schlecht wird, ist nicht Feminismus. Es ist Krampf. Unabhängig davon, ob man einen Penis oder eine Vagina hat. Und vielleicht sollten wir anfangen, Feminismus eher als Humanismus zu verstehen. Und uns alle gegenseitig mit mehr Respekt zu behandeln und nicht wie Sex-Objekte, die man benutzt und an deren Namen man sich am nächsten Morgen nicht mehr erinnert. Dass das nicht passiert, ist vielleicht das größte Problem der Generation Beziehungsunfähig.